Was ist ein Feuerwehraufzug – und wann wird er erforderlich?
Ein Feuerwehraufzug ist im Alltag ein normaler Personenaufzug. Im Brandfall übernimmt jedoch die Feuerwehr über definierte Zusatzfunktionen die Kontrolle, um die strategische Brandbekämpfung zu unterstützen. Entscheidend ist: Der Feuerwehraufzug dient primär der Feuerwehr (Material, Ausrüstung, Einsatzkräfte) und kann ergänzend auch Evakuierungszwecke unterstützen – jedoch mit klarer Priorität auf Einsatzbetrieb.
Dann ist er erforderlich:
Deutschland und Österreich:
- I. d. R. wenn das oberste Geschoß höher als 22 Meter liegt.
- Wenn Anleitern von außen nicht mehr zuverlässig möglich ist.
Schweiz:
- I. d. R. wenn die Gebäudespitze 30 Meter überragt.
Sonderfälle:
- Spezielle Bauten, Brandschutzkonzepte oder eingeschränkte Feuerwehrzufahrt
Der Grund bleibt immer derselbe: Die Feuerwehr muss schnell und sicher in die oberen Geschosse gelangen, und das ist ab einer gewissen Höhe nur über einen Feuerwehraufzug möglich.
Der Regelwerksrahmen: Europäisch, national, regional
Die technische Basis bildet die EN 81-20/50 (Aufzug als Produkt). Darauf setzt die EN 81-72 als Spezialnorm für Feuerwehraufzüge auf. In der Praxis wird das Ganze ergänzt durch nationale Vorgaben und lokale Anforderungen, z. B. Feuerwehr-Merkblätter, kantonale Regeln und projektspezifische Brandschutzkonzepte.
Wichtig: Die frühzeitige Abstimmung mit der örtlichen Feuerwehr ist kein „Optional“, sondern ein zentraler Hebel für Projektsicherheit.
„Entscheidend ist nicht nur die Norm – entscheidend ist, dass der Feuerwehraufzug am Ende den Anforderungen der lokalen Feuerwehr entspricht, sonst drohen Abnahme- und Inbetriebnahmeverzögerungen.“ (Stephan Hindemith, KONE Normenexperte)
Funktionsprinzip im Brandfall
Nach EN 81-72 ist der Brandfallbetrieb von Feuerwehraufzügen in zwei Phasen gegliedert. Die Logik dahinter ist klar: Zuerst wird der Aufzug für den Feuerwehreinsatz bereitgestellt, danach übernimmt die Feuerwehr die manuelle Kontrolle.
- Phase 1: Rückführung und Bereitstellung
Sobald der Feuerwehrbetrieb aktiviert wird, fährt der Aufzug zur definierten Feuerwehrzugangsebene zurück und bleibt dort mit geöffneten Türen bereit. Normale Fahrbefehle werden dabei aufgehoben bzw. gesperrt, damit der Aufzug nicht weiter im allgemeinen Personenverkehr genutzt wird. Ziel dieser Phase ist, den Aufzug schnell in einen sicheren, eindeutigen Ausgangszustand zu bringen, von dem aus die Feuerwehr übernehmen kann.
- Phase 2: Feuerwehrbetrieb (manuelle Steuerung)
In dieser Phase bedient die Feuerwehr den Aufzug gezielt selbst, typischerweise über einen Schlüsselschalter bzw. eine spezielle Feuerwehrsteuerung in der Kabine. Der Aufzug fährt dann nicht mehr im normalen Automatikmodus, sondern nur nach den Eingaben der Einsatzkräfte. Die Türfunktionen werden bewusst kontrolliert, damit die Feuerwehr die Kabine sicher und situationsgerecht nutzen kann. Ziel dieser Phase ist maximale Kontrolle im Einsatz, auch unter erschwerten Bedingungen wie Rauch, Hektik oder eingeschränkter Sicht.
Vier Säulen für einen belastbaren Feuerwehrbetrieb
Damit der Feuerwehraufzug auch unter Rauch, Hitze und Löschwasser zuverlässig funktioniert, müssen Aufzugstechnik und Gebäude als Gesamtsystem geplant werden.
Erstens braucht es sichere Bereiche und Vorräume als eigene, brandschutztechnisch wirksame Zonen, damit die Feuerwehr Zugang, Rückzug und Logistik organisiert abwickeln kann.
Zweitens muss das Rauchmanagement (z. B. Druckbelüftung/Entrauchung) so ausgelegt sein, dass Schacht und Vorräume nutzbar bleiben, ohne dass Luftführung und Öffnungen Aufzugskomponenten beeinträchtigen.
Drittens ist ein sauberes Wassermanagement erforderlich: Löschwasser darf nicht unkontrolliert in den Schacht eindringen, und Entwässerung sowie Schutzgrade müssen zur Einbausituation passen.
Viertens ist die Energieversorgung konsequent abzusichern, inklusive Ersatzstrom, Umschaltlogik und abgestimmter Auslegung bei rückspeisefähigen Antrieben, damit der Betrieb im Ereignisfall stabil bleibt.
„Der Feuerwehraufzug ist ein Arbeitsmittel der Feuerwehr – im Einsatz zählt Verfügbarkeit, Robustheit und eine Planung, die Schnittstellen sauber beherrscht.“ (Benjamin Feustell, KONE Customer Solution Engineer)
Nationale Ergänzungen: D-A-CH im Überblick
Neben der EN 81-72 gelten in der DACH-Region häufig zusätzliche nationale und regionale Anforderungen.
In Deutschland spielen neben den allgemeinen Normen insbesondere Hochhaus- und Sonderbauvorgaben wie die Muster-Hochhausrichtlinie MHHR sowie lokale Anforderungen der Feuerwehr eine wichtige Rolle. Typisch sind unter anderem Anforderungen an die Nennlast, an Sicht- und Kommunikationslösungen, an die Zugangsebene sowie an die Bedienlogik. Hinzu kommen Vorgaben zu Vorräumen, Laufwegen und zur Anordnung der einzelnen Bereiche.
In Österreich konkretisiert vor allem die TRVB 150 S die Anforderungen. Sie regelt unter anderem die Größe und Anordnung von Vorräumen sowie das Zusammenspiel von Schacht, Vorraum und Stiegenhaus. Auch Rauchmanagement, Wasserabführung und Kennzeichnung sind dort klarer beschrieben. Je nach Projekt können unter bestimmten Voraussetzungen auch Erleichterungen vorgesehen sein, etwa bei der Ersatzstromversorgung.
In der Schweiz ergänzen die VKF-Brandschutzvorschriften – insbesondere die VKF/23-15 – und kantonale Vorgaben die europäische Norm. Häufig betreffen sie Anforderungen an Deckenluken oder Steighilfen, abhängig von der Kabinenhöhe, sowie Maßnahmen wie Anrampungen oder Drainagen vor der Schachttür. Auch Mindestanforderungen an die Nennlast spielen in vielen Fällen eine Rolle. Hinzu kommt, dass kantonale Zusatzanforderungen die Planung zusätzlich beeinflussen können.
Planungs-Check: Was in der Praxis den Unterschied macht
Um Planungs- und Abnahmerisiken zu minimieren, empfiehlt sich ein strukturierter Check entlang der aufzugstechnischen und bauseitigen To-dos:
Quick Check AUFZUGSTECHNIK
- Bestimmungsgemäße Nutzung des Aufzugs (EN 81-20/50)
- Aufzugstechnik nach EN 81-72
- Geschwindigkeit des Aufzugs
- Kabinengröße und Türgröße
- Vorgaben der lokalen Feuerwehr geklärt
- Bauseitige Schnittstellen (Vorraum, Druck, Wasser, Energie)
Quick Check BAUSEITIG
- Vorräume / sichere Bereiche
- Entrauchungskonzept und dafür notwendige Öffnungen
- Wassermanagement
- Ersatzstrom und Leitungswege
- Kommunikationswege im Gebäude
- Schacht, Leitern, Platzbedarf
Merksatz: Aufzugstechnik nach EN 81‑72 + Klärung der lokalen Feuerwehrvorgaben + bauseitige Säulen (Vorräume, Druck, Wasser, Energie, Schacht) sauber planen – sonst scheitert die Abnahme, nicht die Technik.
Fazit
Die erfolgreiche Planung von Feuerwehraufzügen basiert auf drei Grundpfeilern: europäische Norm (EN 81-72), nationale Anforderungen und regionale Vorgaben. Wer die lokalen Stakeholder – insbesondere die Feuerwehr – von Beginn an integriert und die Gebäudeschnittstellen konsequent mitplant, reduziert Projektrisiken und schafft die Voraussetzung für einen belastbaren Feuerwehrbetrieb im Ernstfall.
Last but not least: Ein Feuerwehraufzug ist nur so wirksam wie seine dauerhafte Einsatzbereitschaft. Dazu gehören regelmäßige Funktionsprüfungen, eine klare Betreiberorganisation und ab einem gewissen Alter eine Modernisierungsstrategie, die Technik- und Gebäudeseite gemeinsam adressiert.
Dieser Artikel basiert auf dem KONE Live-Onlinetraining zum Thema "Feuerwehraufzüge richtig planen" vom 5. Februar 2026. Stephan Hindemith und Benjamin Feustell sind KONE Experten und Trainer für Aufzugsnormen und -technik im deutschsprachigen Raum.
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